Der „gläserne Kunde“ ist seit dem 21. Jahrhundert keine Randerscheinung der Gesellschaft mehr, sondern hat sich endgültig zum Max Mustermann unserer Zeit gemausert. Viele Menschen stehen dieser Entwicklung eher kritisch gegenüber, denn für viele Marketingstrategen und Werbefritzen (was ja in gewisser Weise dasselbe ist) sind Kunden, die gezielt auf Artikel angesprochen werden können ein gefundenes Fressen.
Selbstverständlich könnte man hier wieder die wohl genialste Gottesnegation aller Zeiten anwenden.
Wir alle erinnern uns an den heiligen Anselm von Canterbury. Dieser Mann, der als Begründer der Scholastik gilt und im frühen 11. Jahrhundert Erzbischof von eben jenem Canterbury – der Stadt mit der ersten Kathedrale in England – war, begründete die Existenz eines „Gottes“ folgendermaßen:
Er stellte dem „Zweifler“ eine Frage, nämlich die, ob sich der Zweifler etwas Vollkommenes vorstellen könne.
Wenn nun dieser Zweifler negierte, so wusste der gute alte Anselm, der seinen Namen wohl von Anselm Schierle, einer Koryphäe aus Zöbingen, übernommen hatte, dass er es mit einem absolut unbekehrbaren Atheisten zu tun hatte. Vermutlich versuchte er trotzdem, diesen Mann noch irgendwie zu überzeugen. Denn auch heute sehen wir in der Bundesliga viele Anselm von Canterbury Nachfolger, die mit T-Shirts in eigener Sache für Gott „the maker“ mit eingängigen Werbesologans à la „Gott ist groß“ werben.
Sobald sich aber einer dieser Zweifler dazu durchgerungen hatte, an etwas Vollkommenes zu glauben, so hatte Anselm von Canterbury den armen Irren komplett im Sack.
Er ging wie folgt vor:
Anselm „the man“ v. Canterbury: „Du glaubst also daran, dass es ein vollkommenes Wesen gibt.“
Zweifler (der Einfachheit halber nennen wir ihn Thomas): „Absolut. Das Copyright von Absolut liegt allerdings bei Herrn Brauchle, der mich früher in BK unterrichtet hat. Ich mochte ihn, vor allem weil er immer gesagt hat, dass man, wenn man sich an einer Glasplatte schneidet, eine Strafarbeit bekommt. Er ist auch ein gefragter Künstler und kognitiv alles andere als suboptimiert. Dennoch. Herr Canterbury, fahren Sie fort.“
Anselm: „Ja, ich weiss. Ulrich Brauchle ist schon ein guter Mann. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Doch ich finde, wir sollten uns wieder den elementaren Dingen zuwenden, die da lauten…“
Thomas: „Vorsicht, den guten alten Ulli nicht als elementar bezeichnen halte ich für sehr gewagt und nebenbei für absolut bescheuert.“
Anselm: „Nun denn, lasst es uns herausfinden.“
Thomas: „Man sagt, Ihr seid sehr behände mit dem Schwert…“
Anselm: „Genug der Phrasen, der leeren Worte, des albernen Gewäschs! Ich lasse mich doch nicht von einem Dreikäsehoch wie du es bist aus dem Konzept bringen! Ich handle im Namen Gottes, des Allmächtigen, des Schöpfers des Himmels sowie – ganz nebenbei bemerkt – der Hölle! Wie kann ein Mensch nur derart anmaßend sein?
Thomas: „Woisch Anselm, der Teufel, des isch eh n Depp. Der war schon mal Politiker in Baden-Würrtemberg und was hats gebracht? An Scheiss hats gebracht! Widerlich.“
Dieses Gespräch ging noch einige Zeit so weiter, bis Anselm das ganze unterband und Thomas damit drohte, ihn bei lebendigem Leibe zu verbrennen, wenn er nicht endlich die Fresse hielte. So ging also sein Gottesbeweis weiter:
Anselm: „Du glaubst also an dieses Wesen, dieses Vollkommene Stück. Wenn es also vollkommen ist, so ist es selbstverständlich auf allen Bereichen vollkommen. Gütig, barmherzig, rattenzu (aber keine Fahne, da vollkommen), Wasseralfinger-Bauhalbe-Fan, Bayern-Hasser….all diese Dinge, in allen Bereichen vollkommen.“
Thomas: „Ich sag jetzt mal ja, sonst land ich eh wieder aufm Scheiterhaufen und das ist ziemlich scheisse.“
Anselm: „Nun, da du diesem Wesen alle diese Fähigkeiten zugesprochen hast, wirst du ihm ja wohl kaum die Eigenschaft der EXISTENZ absprechen.“
Thomas: „Natürlich nicht.“
Anselm: „Quod erad demonstrandum.“
Thomas: „Du Depp! Was hat denn Gott mit Spanisch zu tun?“
Viele Jahrhunderte später schickte sich also unser aller Lieblingsphilosoph Immanuel Kant (den man im Englischen vorsichtig aussprechen muss, da es beinahe wie „cunt“ (cunt=fot*e) klingt) an, eine Antithese zu dieser Thematik zu entwerfen:
Kant sagte, er stelle sich vor, in seiner Manteltasche ein perfektes Goldstück vorzufinden. Diesem Goldstück wollte er nichts von seiner Vollkommenheit absprechen: Es sollte als perfekte Gravuren aufweisen, das optimale Gewicht haben, bis ins noch so kleinste Detail perfekt geschliffen sein. Wie gesagt, er stellte sich also all diese Dinge vor und sprach damit diesem Geldstück auch die Existenz zu, denn es war ja ein VOLLKOMMENES Geldstück. Er wurde bitter enttäuscht, als er in seiner Jackentasche rein gar nichts vorfand. Der absolute Beweis dafür also, dass es keinen Gott gibt.
Diese nur als kleine Randnotiz. Ich könnte auch noch über die Gedanken von Blaise Pascal schreiben, aber das wird mir dann doch zu viel.
Was ich eigentlich sagen wollte:
Ich finde das Prinzip des gläsernen Kunden in gewisser Weise ganz okay, wenn auch auf lange Distanz sehr gefährlich. Denn irgendwann isses auch nix mehr.
Ich weiss, meine Argumente bleiben wohl weit hinter denen von Anselm und Immanuel zurück. Doch dies soll mich nicht weiter jucken. Vielleicht werde ich eines Tages mehr über den gläsernen Kunden berichten.
In diesem Sinne, keep on rocking
Thomas