Nachts, halb 12 in England

Okay, ihr habt recht. Ich muss mal wieder was schreiben. Und wie es der Zufall so will passierte am heutigen Abend etwas sehr spektakuläres. Einen Tag vor der EM. Nur einen Tag.

Nun ja, die Geschichte fing mit einem Telefonat mit Robbie Keane (nein, nicht DER Robbie Keane, sondern der andere CoWorker, manchen auch bekannt als Rob der Rote) an. Wir diskutierten hauptsächlich über Planetenbewegungen, als ich den Vorschlag brachte, in den CoWorker-Raum zu gehen, um den Countdown einzuweihen und unseren EM-Planer aufzuhängen. So weit, so gut. Als wir uns eigentlich schon einig waren, diesen Plan in die Tat umzusetzen, kam mir die Idee, ein wenig Pro Evolution Soccer zu zocken. Also sagte ich kurzerhand das Meeting ab, worüber Robert auch nicht so unglücklich war. Falls dieser Part nicht stimmt, so möge Robert einen Kommentar hinterlassen oder für immer schweigen.

Ich startete die Anwendung. Robert spielte schon seit Ewigkeiten (wenn nicht schon eine halbe Stunde) Counter Strike. Also musste ich mir immer wieder seine Reaktionen auf einen Tod seinerseits anhören. Doch ich hatte kein Problem damit.

Der Startscreen von Pro Evo war zu sehen und nach ein paar Klicks musste ich entsetzt feststellen, dass einige meiner Spieler extrem erschöpft waren (namentlich u.a.: Terry, Gerrard, Lampard, Ronaldinho, Villa, Torres, Cech…u.v.a.). Also machte ich leichte „changes“, wie der Engländer sagt und wechselte zB: van der Vaart, Henry, Rosicky, van Nistelrooy ein. Aber nun genug vom taktischen Kauderwelsch. Das Spiel dauerte bereits 20 Minuten, als meine Kopfhörer plötzlich „Maaan, was ist das denn für ein verfickter kackb00n“, (erklärung: kackb00n bedeutet so viel wie „dummer Neuling“) „hat der mich jetzt schon das achte Mal weggefragg0rt“ („weggefragg0rt“ bedeutet getötet).
Also dachte ich bei mir, dass es so nicht weitergehen kann. Ich spürte ein flaues Gefühl in der Magengegend, also musste das passieren, was man sowieso nicht verhindern kann: Die letzte Bauhalbe aus deutschen Gefilden musste daran glauben. Die letzte.

Prinzipiell ist dagegen ja überhaupt nichts zu sagen. Eine Bauhalbe am Abend keeps the doctor away, diese Weisheit wurde uns allen ja schon seit unserer frühen Kindheit eingehämmert. Ich muss diese Weisheit befolgen dachte ich mir. Also drückte ich den „Pause“-Knopf, gerade als meine Gegner „Recreativo Huelva“ einen Eckball hatten. Der Ball musste schon seit ca. 2 Sekunden in der Luft sein…doch ich konnte einfach nicht anders und drückte den Knopf.

Es geschahen nun einige Missgeschicke beinahe gleichzeitig. Ich griff nach dem meinem Mobiltelefon und der goldenen Flüssigkeit aus Wasseralfingen, um mit dem Handy eben letzteres zu öffnen.
Was passierte war folgendes:
Ich konnte die Flasche eine wee fraction (kleines Stück) öffnen. Doch im selben Moment begann das edle Gebräu zu schäumen als ob es kein Morgen gäbe.

Nun also hatte ich den Salat. Was solle ich tun. Schnell zog ich meine Beine zusammen, doch es war zu spät – das Bier hatte schon angefangen, sich über meine Hose zu ergießen.


Und nicht nur meine Hose sollte nass werden, sondern auch die Hand, mit der ich die Flasche hielt, sollte anfangen schrecklich zu bluten. Ich war also in einer mehr als misslichen Lage.


Um den Effekt etwas deutlicher rüber zu bringen, habe ich das Bild mit Photoshop ein wenig bearbeitet. Aber es sieht tatsächlich noch viel schlimmer aus. Ich wollte schon die Ambulanz rufen, besann mich aber eines besseren und drückte wieder auf Play. Und ihr wisst schon, was kommt.


Als ob die Gegner geahnt hätten, dass ich ein Bier trinken will…sie schossen das Tor, weil ich einfach nicht mehr die Zeit hatte, zu reagieren und außerdem mehr als paralysiert war. Mein Blut hatte im Zimmer schon einen Bach gebildet und die ersten Frösche und Fische würden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Doch ich blieb hart.
Ich Skype ließ ich mir den Schmerz nicht anmerken, denn Robert war ja noch immer am Telefon. Mir wurde speiübel, doch ich überspielte das alles.
Robert sagte plötzlich: „Na ja, jedenfalls kommt dieser Kackb00n um die Ecke, gibt mir voll den heady, direkt durch die Wall, dabei hatte ich ne AWP und er nur ne DEagle. So ein bekackter Cheater, Wallhacker, Lamer…FICKER MANN! Ich spiel nie wieder Public, die Idioten cheaten da nur. Außerdem bin ich jetzt sowieso viel mehr auf Funmaps eingespielt.“

Ich trank mein Bier leer, Robert schaute sich einen Film an und das ist das Ende der Geschichte.

Muss mir also neues Bier kaufen. Morgen ist EM. Ich brauche nen Arzt.

~ von Thomas am Juni 6, 2008.

4 Antworten to “Nachts, halb 12 in England”

  1. man man man man, ist das ein dicker baumstumpf… spannung und dramatik fesseln den rezipienten in diesem artikel auf eine weise, die es einem schier unmöglich macht seine augen auch nur einen moment vor dem ende des werkes abzuwenden. ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dies wohl der beste artikel ist den ich bis jetzt in meinem leben gelesen habe; worte sind eigentlich nicht genug, aus diesem grund will ich an dieser stelle meiner rezension schweigen…

    allen mitwirkenden sei mein aller herzigster dank ausgesprochen

  2. Schließe mich meinem Vorredner gänzlich an. Ein Meisterwerk der Literatur. Im Subtext klingt immer mal wieder leichte Ironie durch, trotz alledem versteht es der Autor in hervorragender Manier, die Ernsthafigkeit der Situation hervorzuheben. Auf der einen Seite scheinbare Lapalien wie das Pro Evo-Game, was aber wirklich nur auf den ersten Blick eine solche ist, auf der anderen Seite der Kampf gehen den nahenden Tod durch Verblutung und die letzten Gedanken, die man sich so macht, bevor man abdankt (vielleicht auch deswegen das Zitat der Woche von Jesus – „Es ist vollbracht“). Rein spiriutell gibt einem dieser Artikel einiges.
    Leute, die das Leben eher aus einem spassigen Winkel sehen, werden sich hingegen einfach nur totlachen.
    Deswegen verdient dieser Artikel sowohl den Preis für den besten Artikel im Bereich „allgemeine Literatur“, als auch im Bereich „Comedy“. Nie hat es jemand so gut verstanden, den Ernst des Lebens und gleichzeitig das Leben als eine einzig wahnsinnige Freakshow hervorzuheben.
    In diesem Sinne: We want more!!!
    Oder wie der Deutsche sagen würde: Flughafen!!! Flughafen!!!

  3. Eine kleine Deutung:
    Ich denke, dass die hier mit photoshop sehr gut dagestellte verletzung, garnicht physischer Natur ist, sondern eher die psychische verletzung wiederspiegeln soll. Denn eine Bauhalbe zu verschütten, hat schon viele leute ( ich schreibe aus Erfahrung) in den Wahnsinn getriben.
    All in all ( wie wir Engländer sagen) kann ich mich nur dem oben geschrieben kommentar anschließen.. Der artikel hat alles.. Spannung, Dramatik.. ist leicht verrückt .. u.s.w.
    großes lob
    gruß wolfi

  4. [...] Ich erinnere mich sehr gut an einen meiner ersten Einträge, der mir innerhalb meiner ständigen wachsenden Fangemeinde Ruhm sowie Rum und Ehre einbringen sollte. Ich berichtete über eine sehr spannende Pro Evolution Soccer Partie, die ich, aufgrund des Öffnenes einer leckeren Bauhalbe nicht für mich entscheiden konnte. Den ganzen Artikel findet ihr hier. [...]

Eine Antwort schreiben