Die Bibel
Wenn man durch ein Land reist und gelegentlich in irgendwelchen Motels logiert, dann bekommt man allerlei zu sehen. Gestern wurde sich mehr oder weniger ins jenseits befoerdert, als das Spiel Aston Villa vs. FC Everton uebertragen wurde. Es war ein gutes Spiel und es waren akzeptable Carlsberg-Kolben, die hier in Australien von Fosters gebraut werden. Die Saeufer unter euch werden sich jetzt sicher fragen: „Fosters? DAS Fosters?“
Ich kann dies dann nur bestaetigen. Es ist durchaus DAS Fosters gemeint. Auch ein sehr lumpiges Bier. Aber lets face it: Ist nicht jedes Bier ein Lumpenbier, wenn man es mit der guten alten Wasseralfinger Bauhalbe vergleicht? Meine Sicht der Dinge in diesem Bereich ist klar.
Es wurde also endlich wieder Bier getrunken. Der Anlass war selbstverstaendlich Ostersonntag. Ein Tag wie kein anderer. Eigentlich war er ziemlich langweilig, aber der Berg Carls hat fuer alles entschaedigt. Heute abend gehts erstmal in die Sportsbar, um weitere Bierchen zu pressen.
Gut, genug des Alkoholkonsums. Fragen, die wirklich zaehlen, schreien nach Antworten.
Ich werde immer wieder gefragt, was ich eigentlich so mache. Als ein kultivierter Mann von Welt widme ich mich – wen wunderts – dem Lesen. Ein Buch will gut gewaehlt sein. Die erste Seite muss fesseln, der Einleitungssatz darf nicht beschissen sein und der Schreibstil muss stimmen. Weitere Pluspunkte gibts fuer einen guten Text auf der Rueckseite des Buches.
Ich stehe also in einer Filiale von BORDERS, der vermutlich bekanntesten Buecherkette in Australien und England. Ich schreite langsam die Gaenge auf und ab, nehme mit da und dort ein Buch heraus, blaettere darin, lese diesen und jenen Satz. Merke mir – sofern es das Buch verdient hat – Titel und Name des Autors und wiederhole die Prozedur. Das kann stundenlang so gehen. Das letzte Mal wars allerdings schneller als gedacht vorbei.
Ich wollte mal wieder etwas anderes als die Penguinclassics lesen. The great Gatsby, Of mice and men, The Beach…die Liste ist unendlich, die Titel sind meist sehr gut. Doch wie sagt der Englaender: Curiousity got the better of me.
So kam es, dass sich ploetzlich „A farewell to arms“ in meinen Haenden befand. Nach einem kurzen Smalltalk mit einer aelteren Australierin (sie hielt sich fuer sehr belesen, ich konnte ihr dafuer nur ein bemitleidendes Laecheln schenken) war die Entscheidung gefallen: Dieses Buch wuerde gekauft werden. Und so war es auch.
„MOOOOOOOMENT!“ werden sich jetzt die Lesenden unter meinen Bloglesern denken. „A farewell to arms? DAS A farewell to arms? Von diesem Vollspaten Ernest ‘fucking’ Hemingway?“
Und ein weiteres Mal kann ich dies nur bestaetigen. Ernest ‘fucking’ Hemingway. DER Ernest Hemingway, der auch „The old man and the sea“ geschrieben und dafuer den Nobelpreis erhalten hat. DER Ernest Hemingway, der von Nicolas Cage in „City of angels“ (furchtbarer Film by the way) ueber den verdammten gruenen Klee gelobt wird, weil er „nie vergisst, zu beschreiben wie die Dinge schmecken.“ Ist das also ein Argument dafuer, Hemingway zu lesen? Weil er nicht vergisst, zu beschreiben wie die Dinge schmecken?
Um ehrlich mit euch, liebe Leser, zu sein: Ich hatte Cage’s Zitat schon lange wieder vergessen und nur zufaellig City of angels gesehen. Doch auch diesmal konnte ich diesem Film nichts abgewinnen. Nur die eine Szene, in der er sich in den Finger schneidet, die ist witzig (war aber glaub nicht unbedingt vom Regisseur so gedacht).
Hemingway beschreibt in „A farewell to arms“ auf den ersten 50 Seiten nicht ein einziges Mal, wie die Dinge schmecken. Und das, obwohl er diverse Glaeser Grappa (!) und (wenn ich nicht irre) einige Kolben hinterstellt. Bei diesen Stellen wurde ich dann eben stutzig.
Aber seien wir ehrlich: Selbst wenn Hemingway beschrieben haette, wie die Kolben und der Grappa schmeckten – das Buch waere noch immer absoluter Scheiss gewesen. Das Buch ist grausam, die Saetze die er schreibt sind einschlaefernd und selbst das Kriegsgeschehen, der er beschreibt, klingt wie in einem schlechten Remake von „Pearl Harbor“ (bevor Einwaende kommen, mir ist durchaus bewusst, dass der Angriff auf Pearl Harbor im zweiten Weltkrieg stattgefunden hat und „A farewell to arms“ waehrend des ersten Weltkrieges spielt; anachronismus ist einfach eine grandiose Sache. Ein Stilmittel (ist es ein Stilmittel), auf das wir nur zurueckgreiffen koennen, weil wie im hier und jetzt leben).
Ich befand mich also in jenem Motel und las in Hemingways Buch, quaelte mich quasi von Wort zu Wort, von Satz zu Satz, von Seite zu Seite. Und je laenger ich lese, desto sicherer bin ich mir, dass ich dieses Buch nicht komplett lesen werde. Weil es einfach – tut mir leid, Mr Hemingway – absolut beschissen ist.
Klar, man kann mir vorwerfen, dass ich schon lange bevor ich das Buch gekauft habe, haette wissen muessen, dass Ernest einfach ein mieser Schriftsteller ist. Immerhin wurde man in der Schule dazu gezwungen, sein Epos „the old man and the sea“ zu lesen. Und das war auch schon harter Tobak. Soll allerdings nicht heissen, dass ich es gelesen habe. Es liegt – wenn ich nicht irre – noch heute neben meinem Bett und wartet darauf, von mir gelesen zu werden. Doch nach „farewell“ sinkt die Wahrscheinlichkeit betraechtlich.
Ich sitze also in diesem Motel, der Fernseher laeuft und es kommt – wen wunderts – nur Schrott. Ich dachte immer, dass Deutsches Privatfernsehen unertraeglich ist. Allerdings kannte ich da das australische noch nicht.
Auf dem Sender „Prime“ kam abends dann „The passion of the christ“ Fuer mich als ehrfuerchtigen Christen ist dieser Film natuerlich eine Farce! Jesus Christus wird darin gefoltert, dass einem beinahe schlecht wird. Doch dann dachte ich wieder an Silent Hill und an die Monster die ich wenige Minuten zuvor noch erlegt hatte (oder waren es Zombies) und zweifelte voellig zurecht an meiner Glaubwuerdigkeit, was Gewalt angeht.
Naja, jedenfalls sitze ich da – nachmittags – und weiss nichts anderes mit meiner Zeit anzufangen, als Hemingways Buch zur hand zu nehmen. Nach wenigen Zeilen bin ich gefrustet und ertappe mich beim Gedanken, das Buch gegen die Wand zu schmettern, symbolisch fuer alle schlechten Buecher dieser Welt. Schnell sehe ich allerdings ein, dass diese art Handlung ueberhaupt nichts bewirken wuerde.
Langsam lege ich das Buch weg und starre an die Decke. ich denke daran, dass ich vor wenigen Wochen noch im Outback war. Ich denke daran, dass ich – obwohl ich niemals einen Krieg erlebt habe – ein aehnlich gutes „Produkt“ haette schreiben koennen. Doch Ernest, the old man, ist – ganz im Gegensatz zu mir – ein anerkannter und – noch viel wichtiger – GELIEBTER Autor. Geliebt von vielen, gehasst von vielen. Wobei Hass in diesem kontext ein wohl zu starkes Wort ist. Sagen wir lieber „nicht geliebt“.
Das an-die-decke-starren wird mir zur Qual und ich oeffne eine der Schubladen rechts von meinem Bett.
Hat jemand schonmal was von den „Gideons“ gehoert? Der einzige Gideon, den ich kennenlernen durfte, war ein ziemlicher Spaten und auch noch Hausvater von mir in England. naja, die Gideons haben nichts mit diesem Kerl zu tun. Die Gideons platzieren nur Bibeln in Motels und Hotels around the globe.
Da ich also nichts gutes zu lesen hatte, fing ich an in dieser Bibel zu blaettern. Es war gut. Das Buch Hiob hab ich angefangen, aber fands irgendwann auch scheisse. Hab mich dann doch wieder dem seichten Entertainmentprogramm des australischen TVs hingegeben.
Wie auch immer, ich kann keine Bilder der Woche reinstellen, weil nicht mal ein Bild pro Woche gemacht wird. Bilder beschreiben sowieso nicht wirklich, was eigentlich wirklich ist. Aber vielleicht kann ich mich in den naechsten Tagen dazu durchringen, ein paar Bilder online zu stellen.
Bis dahin verbleibe ich,
Euer Thomas

Ich muss schon sagen: Respekt für diesen Beitrag. Einer deiner besten Beiträge ever.
Was mich speziell begeistert: Ich selbst überlege mir täglich, über was man denn auf einem Blog schreiben kann, wenn den ganzen Tag nichts spektakuläres passiert. Was du hier gemacht hast, ist schon beachtenswert: Ein riesen Artikel der einen Zeitraum von 2 Minuten umfasst, in denen du dich zu Tode langweilst.
Und du weißt, dass ich selten ein Lob verteile. Fühl dich also geehrt…
[...] wie “There are so many questions”, “Schwäbisch. Unplugged.” und “Die Bibel” die Highlight des letzten Jahres [...]
The Blog « The Blog schrieb dies am Juni 6, 2009 um 3:34 |